Otto Beck

Texte

Kaindl: Die Mobilisierung des Blicks
Otto Beck hat einer neuen Serie von Arbeiten den Titel „Stroboskopisch" gegeben. Diese Bezeichnung ändert nicht Thema oder Inhalt seiner Bilder, sehr wohl aber die Form der ... Wahrnehmung ... Details

Gugg: Ungestörter, glücklicher Bild-Augenblick
Ein Bild ist unter vielem anderen der mehr oder weniger flüchtige Augenblick des Bestehens einer Täuschung. Je länger der Moment der Bild-Illusion anhält, desto stärker erweist sich das "Kunstwerk" ... Details

Maier: Rituale und Liturgien
Der Salzburger Otto Beck verwendet als Bezeichnung seiner Inszenierungen und Objekte im öffentlichen Raum das Wort Liturgie. Damit bezieht er sich auf die altgriechische „leitourgia“ ... Details

Gugg: Vom Wandel des öffentlichen Körpers
Nichts ist heute präsenter und durch seine Daueransichtigkeit entwerteter als der nackte menschliche Körper. Längst ist enthülltes Fleisch jedweden Geschlechts und Alters eine Verkaufsstimulanz für eine Vielzahl ... Details

Kasparek: Zeitfluss und Klangmobile
Salzburg Biennale 2007, aus „Zeitgenössische Musik nach 1945 in Sazburg“
von Gottfried Kasparek ... Details

Kriechbaum: Straßenverkehr
Im Moment sinniert Otto Beck darüber, wie es mit unserem Straßenverkehr, genauer: mit unserer Wahrnehmung der Automobile weitergehen könnte ... Details

Schaffer: Moderne pin-ups
Wenn ich Otto Beck auf Anhieb und ohne Umschweife charakterisieren müsste, würde ich zu einer Redewendung Zuflucht nehmen. Er ist das Salz in der Suppe der Salzburger Kunstszene ... Details


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K. Kaindl: Die Mobilisierung des Blicks

Zu Otto Becks „Malerei-Stroboskopisch"

Otto Beck hat einer neuen Serie von Arbeiten den Titel „Stroboskopisch" gegeben. Diese Bezeichnung ändert nicht Thema oder Inhalt seiner Bilder, sehr wohl aber die Form der vom Künstler intendierten Wahrnehmung. Es ist eine Rezeptionsanweisung an uns, die Objekte seiner Bilder in einer bestimmten Weise zu lesen. In einem Bild mit einem rötlichem Quadrat im unteren Bildteil und einer darüber liegenden horizontalen Anordnung mehrerer Zitronen werden aus diesen plötzlich die Flugphasen einer Zitrone, die, ähnlich den bekannten stroboskopischen Aufnahmen der Flugbahn einer Gewehrkugel, durch das Bild zu fliegen scheint. Aus einem statischen Bild entsteht im Bewusstsein des Betrachters eine Bewegung, die den Aufbau des Sujets dynamisch werden lässt. Der gelb - rot gestreifte Hintergrund lässt sich nun als Raster lesen, wie er in entsprechenden technischen Fotografien als Referenz für die Bestimmung der Geschwindigkeit dient. Doch nicht der inhaltliche Aspekt dieser Bedeutungsveränderung interessiert hier, sondern vielmehr der kunst- und wahrnehmungsgeschichtlich Verweis auf die „stroboskopische Sichtweise".
In seinen neuen Arbeiten vollzieht Otto Beck auf der Makroebene eines Bildes einen Vorgang, der in der Kunstgeschichte seit dem Beginn des vorigen Jahrhunderts als „Entmachtung des menschlichen Auges" und „stroboskopische Zersplitterung des festen Blickpunktes" (vgl. Heft 1/1996 der Zeitschrift „Kaleidoskopien", Leipzig, Hefttitel „Stroboskop. Die Zersplitterung des festen Blickpunkts") beschrieben wurde. Für das Stroboskop gibt es einen interessanten lokalen Bezug zu Otto Beck. Es wurde von einem Bauernsohn aus dem damals salzburgischen Matrei (heute in Osttirol) erfunden. Simon Stampfer, 1790 in ärmlichen Verhältnissen geboren, bekam in Salzburg seine weitere Ausbildung und erreichte hier eine Professur, bevor er nach Wien an das Polytechnischen Institut ging. Dort entwickelte er 1832 die „stroboskopische Scheibe" oder das „Lebensrad", wie es auch genannt wurde. Auf einem Rad werden einzelne
fortlaufende Bewegungsphasen aufgezeichnet oder aufgemalt Durch ausgestanzte Schlitze in einem zweiten gegenläufigen Rad entsteht durch den zerhackten Blick auf die einzelnen Bewegungsphasen der Eindruck einer kontinuierlichen Bewegung. Dieser stroboskopische Effekt, der Grundlage der Filmkamera und des Filmprojektors ist, wird in erster Linie als Vorläufer des Massenmediums Film angesehen. Simon Stampfer selbst ahnte von diesem Nachruhm noch wenig. Seine „stroboskopische Zauberscheibe" kam als Kinder- und Volksbelustigung beim Verlag Trentsendky in Wien heraus. Diese Entdeckung hatte damit ein ähnliches Schicksal, wie gleichzeitig zahlreiche ähnliche Erfindungen zur Bewegungssimulation in ganz Europa, etwa der „Phantasmascope-Scheibe" des Belgiers Joseph Plateau. Doch so sehr diese „philosophischen Spielsachen" - wie sie auch hießen - einerseits das Spiel- und Wunderbedürfnis einer Epoche erfüllten, waren sie vor allem Entwicklungsstufen auf dem angestrebten Ziel einer realistischen Bewegungsdarstellung.Und wie so oft ging neben der technischen Vervollkommnung der Bewegungsdarstellung im Film, der erst 1895 tatsächlich einsatzbereit war, ein anderer viel wesentlicher Effekt scheinbar unbemerkt nebenher: die Veränderung unseres Weltbildes. Die Zentralperspektive der klassischen Malerei begann mit der Kenntnis dieser Zauber- und Wunderscheiben und ihrer Möglichkeit der veränderten Wahrnehmung zu zerbröckeln. Im folgenden Jahrhundert urteilte der Apologet der technischen Bildwahrnehmung Walter Benjamin über diese „philosophischen Spielsachen" des 19. Jahrhunderts: „So unterwarf die Technik das menschliche Sensorium einem Training komplexer Art."
Ausgelöst wurde dieses von Benjamin beschworene unbewusste Training der Wahrnehmung durch einen wahrnehmungspsychologischen Effekt, dessen erste Beschreibung nochmals einige Jahrzehnte zurückgeht: den Nachbildeffekt. Infolge der Trägheit des Auges bleibt der Netzhauteindruck eines Bildes etwa eine zwanzigstel Sekunde weiter bestehen, sodass bei der schnell aufeinander folgenden Präsentation von statischen Bewegungsphasen der Eindruck einer
Nachbild neben seiner Anwendung im Film einen interessanten kunsttheoretischen Aspekt: die Erforschung des Nachbildeffektes richtete das
Interesse der Zeitgenossen weg vom äußeren Bild hin auf die Fähigkeiten des
Wahrnehmungsorgans selbst. Oder allgemeiner gesprochen, auf das Subjekt der Wahrnehmung. Der Betrachter eines Bildes wird Teil seiner Interpretation, in der Rezeptionsästhetik ist gar ein Kunstwerk unabhängig vom betrachtenden Subjekt nicht mehr denkbar. Der medizinische Nachweis der Trägheit der Retina gelang Dr. Peter Mark Roget erst 1924 und dies war der Auslöser zahlreicher Erfindungen zur menschlichen Bildwahrnehmung. In gewisser Weise hat dieses Interesse an der Wahrnehmung bis heute kein Ende gefunden, wenn man sich etwa im Internet Jodis „Flickermaschinen" ansieht (vgl. die Homepage http://asdfg.jodi.org/) oder einige Jahre früher die noch mechanisch funktionierenden „dreamachines" von lan Sommerville und Brion Gysin (1960). In diesen und ähnlichen künstlerischen Werken und Wahrnehmungsexperimenten wird der Nachbildeffekt und der auf diesem aufbauende stroboskopische Effekt zum ästhetischen Programm erhoben. Es werden in diesen Arbeiten keine Fragen nach dem Inhalt gestellt, sondern Untersuchungen über die Wirkung auf den Betrachter angestellt. Der Rezipient ist wechselweise Subjekt und Objekt der Betrachtung. Otto Beck hat sich bereits in früheren Arbeiten mit Wahrnehmungsexperimenten und dem Film auseinander gesetzt. Seinem Metier als bildender Künstler und Maler entsprechend war es immer wieder das Verhältnis von stehendem Bild und Bewegung, das ihn interessierte, wie etwa in der Endlosschleife eine Films, der in seiner ständigen Repetition wie ein statisches Bild gelesen werden kann. Die neue Werkgruppe „Stroboskopisch"
kehrt diesen Zusammenhang um, indem in ein „klassisches" Tafelbild das Element der Bewegung eingeführt wird. Doch diese Bewegung ist kein immanenter Bestandteil des Bildes, sondern eine Rezeptionsleistung des Betrachters, die durch den Künstler und die Wahl der visuellen Organisation des Bildes eingefordert wird. In Kenntnis der kulturhistorischen Bedeutung des stroboskopischen Prinzips und auf dem Hintergrund unzähliger fotografischer Bewegungsstudien von Marey und Muybridge bis zu den Serienaufnahmen von Crashtests, die uns die Automobilindustrie als Beweis ihrer erfolgreichen Sicherheitsbemühungen präsentiert, verfügen wir heute über ein großes visuelles Wissen um stroboskopische Aufnahmen. Otto Beck macht sich dieses unentrinnbare Bildgedächtnis zunutze, wenn er mehr oder weniger verschlüsselt
solche Bildelemente in seine Arbeiten einbaut. Der Pinguin, der wie auf einem Filmstreifen durch das Bild schwebt, wird so zu einer weiteren, dynamischen Dimension dieses Bildes. Doch Otto Beck geht einen Schritt weiter: er fällt aus dieser filmischen Bildsymbolik heraus, bricht sie, indem er den Pinguin auch noch außerhalb seiner „Bahn" auftauchen lässt - ein Betrachter seines eigenen Auftritts.
Wenn er schließlich neben anderen Objekten auf einer Reihe von Stühlen zu sehen ist, so erinnert diese Anordnung an andere „philosophische Spielsachen", wie das Thaumatrop. Bei diesem Gerät, das 1925 erfunden wurde, wird die Kluft zwischen Wahrnehmung und Objekt deutlich, weil beispielsweise auf einer Seite einer rotierenden Tafel ein Tisch, auf der anderen eine Blumenvase aufgemalt ist. Durch rasche Drehung entsteht der Eindruck, dass die Vase auf dem Tisch steht. Stühle, Pinguin und Blumenvase auf dem oben besprochenen Bild Otto Becks könnten das Ergebnis einer solchen Bildverschmelzung sein. Selbstverständlich geht es heute nicht mehr um Wahrnehmungsexperimente, sondern vielmehr um das Zitieren dieser kulturhistorischen Entwicklung. Damit wird der Vorhang vor einer großen Perspektive aufgezogen, hinter der sich die Entwicklung zeitgenössischer Malerei und der Einfluss der technischen, bildgebenden Medien (so wie Vilem Flusser sie verstanden hat) untersuchen lässt. Wo Marcel Duchamp mit seinen berühmten Gemälden stroboskopischer Wahrnehmungserfahrung („Akt, die Treppe hinuntersteigend" aus dem Jahr 1912, um nur das bekannteste zu nennen) noch sehr genau die fotografische Vorlage treffen musste, um von den Zeitgenossen verstanden - oder besser: in einem Skandal missverstanden - zu werden, kann der bildende Künstler heute mit wesentlich flüchtigeren Anleihen auskommen und sich dennoch der Thematik der Befreiung und Mobilisierung der Wahrnehmung, des Perspektivewechsels in der Simultaneität des Tafelbildes widmen. Otto Beck hat diese Ausflüge mit seiner neuen Bildserie „Stroboskopisch" begonnen.

Salzburg, Jänner 2001


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Anton Gugg: UNGESTÖRTER, GLÜCKLICHER BILD-AUGENBLICK

Ein Bild ist unter vielem anderen der mehr oder weniger flüchtige Augenblick des Bestehens einer Täuschung. Je länger der Moment der Bild-Illusion anhält, desto stärker erweist sich das "Kunstwerk", desto intensiver halten sich komplexe Existenzbedingungen des "Als ob" in Spannung - bevor Zweifel am Materiellen, Ästhetischen und Inhaltlichen auftauchen und den "Wunder-Charakter" des Bildes schwächen.
Man kann sagen, dass Otto Becks malerisches und zeichnerisches Interesse diesen Entstehungs- und Zerfallsprozessen, eben der Lebenskurve des Bildes gilt.
Was ist ein Bild? Was löst jene scheinbar überholte, immer wieder totgesagte und triumphal wiederkehrende Technologie des Illusionierens im nach wie vor bildhungrigen Kunstbetrachter aus?
Otto Beck ist alles andere als ein naiver Feuerkopf, begierig, die Geschichte der Farbe, des Bleistifts neu zu schreiben. Er ist eingeweiht in kulturelle Zusammenhänge, in Kunstphänomene, weiß bescheid über Grundlagen, Hochblüten, Verschleiß, Wiederholung und Innovation, und dennoch hält er am vergleichsweise traditionellen Bilder-Verständnis fest - freilich nicht ganz frei vom Misstrauen gegenüber alten Handwerkszeugen und Zielen bildnerischer Illusion. Das Widersprüchliche hat daher seinen Platz in Otto Becks Malerei.
Die Ölgemälde sind augenscheinlich federleichte, beinahe impressionistisch lichtdurchflutete Landschafts- und Himmelsansichten - Durchblicke auf zarte Figurationen, die sich gelegentlich vor zeitloser Klassik wie Manets "Frühstück im Freien" verbeugen.
Handgreifliche Tatsache ist, dass diese "Sterngucker" schwebenden Gesichter, "Weidenden Herden" und ähnliche aus Schwerkraft und Perspektive gerückte Erinnerungen nur die oberste Schicht regelrecht "gemauerter" Farb-Substanz-Wände sind.
Otto Beck kann nie zufrieden sein mit einem malerischen Ergebnis, mit dem "Finish" eines Bildes.
Als Gedankenmensch und Konzept-Künster, den man von vielen spartenübergreifenden Aktionen her kennt "durchschaut" er seine eigene Bildproduktion und begibt sich malend wie zeichnend auf die endlose Suche nach verlorenen Geheimnissen.
So wachsen die Farbtafeln dem Maler und Betrachter entgegen, decken immer neue Schichten alte, scheinbar ungenügende Bildgründe zu, die den Fragen des Künstlers nicht mehr antworten konnten. Dabei ist Otto Beck kein mystischer Übermaler im klassischen Sinn, er will dem Bild und seinem "Fehler" nicht entkommen, sondern dieses mit all seinen reizvollen Fragwürdigkeiten bestätigen.
Nicht Auslöschung, sondern Anreicherung und farbliche Vielstimmigkeit in einem ungestörten, glücklichen Bild- Augenblick ist das Ziel aller Anstrengungen. Dadurch entstehen "Übermaß" an Farbkörper und Reduzierung alles graphisch Geschwätzigen zum Zeichen.
Otto Becks bildnerische Strategie auf Papier ist die konträre Spiegelung seiner Malerei. Knapp vor dem Verschwinden von Körper, Raum und Zusammenhang gewinnt die schlichte Linie ihr Spannungshoch. Das flüchtig hingesetzte Kopfprofil, die kleine Figurengeste oder das bloße Daliegen einer kaum kenntlichen Gestalt vibriert dann vor Energie.
Leere und Linie tönen dann als Kontrast zahlloser Streichungen, als Gipfelpunkt komplizierter Einfachheit.

Anton Gugg, 1998


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Scotch Maier, Bemerkungen über Rituale und Liturgien

Ich bekreuzige mich
Vor jeder kirche
Ich bezwetschkige mich
Vor jedem obstgarten
Wie ich ersteres tue
Weiß jeder katholik
Wie ich letzteres tue
Ich allein
(Ernst Jandl)

Der Salzburger Otto Beck verwendet als Bezeichnung seiner Inszenierungen und Objekte im öffentlichen Raum das Wort Liturgie. Damit bezieht er sich auf die altgriechische„leitourgia“, den Dienst an und in der demokratischen Öffentlichkeit
Wenn man üblicherweise von Liturgie oder Ritual hört, fallen einem meist fast automatisch „leer“ oder „langweilig“ ein. Da erwartet man nichts Neues,
Überraschendes, Schockierendes, da ist ja alles festgelegt, und Rituale brauchen und wollen wir doch in unserem anstrengenden aber langweiligen Leben, zum festhalten! Rituale, Liturgien laden zum beruhigenden Schlafen ein. Man mag dabei streiten, was erholsamer ist, die Kirchenschlaf oder der Theaterschlaf.
Aber die Vorstellung, das Leben vollzöge sich nur als Abfolge von
Vorhersagbarkeiten, ist natürlich schrecklich.
Dabei haben Liturgien mit ihrer Folge von festgelegten Ritualen auch ihr stilles Gutes. Man muss nicht wirklich glauben, um sicher zu sein, dass im
Gottesdienst Wichtiges geschieht (Gegenwart Gottes, Vergebung der Sünden usw.) Das hat sich in Jahrhunderte langer Gleichförmigkeit bis heute vollzogen: in der Liturgie. Jeden Sonntag dieselbe Abfolge der Handlungen des Gottesdienstes. Jede Religion braucht einen Handlungsablauf für Zusammenkünfte, Gottesdienste, der mit religiöser Zielsetzung genauen Regeln einer festgelegten Ordnung folgt. Das ergibt die gruppendynamische, die massenpsychologische Sicherheit, vielleicht sogar das persönliche Erlebnis. Ich habe vielleicht nichts wirklich verstanden von der Predigt, von der Liturgie (den Formen des vollzogenen Gottesdienstes) habe ich nichts Ungewöhnliches bemerkt, ich war einfach dabei, es wurde an mir vollzogen.
Haben Liturgien also eine geheime Kraft?
Der amerikanische Soziologe Robert.K. Merton hat über den „Regenzauber“ der in einer Wüste lebenden Hopi Indianern geforscht. Ihn
interessierte ihr wichtigsten Ritual. Um die regelmäßigen, bedrohlichen Dürren abzuwenden, haben sie sich seit alters her und von weit herkommend versammelt, um die Liturgie des Großen Regenzaubers zu veranstalten.
Tagelang wurde getrommelt getanzt, gebetet. Seit uralter Zeit wurde der Zauber wiederholt.
Nur - danach hat es sehr selten, fast nie geregnet. Warum also haben die Indianer an dem Ritus des Großen Regenzaubers festgehalten, wo er doch nicht erfolgreich war? Was war der wirkliche Grund für das Festhalten am Regenzauber?
Er lieferte einen Grund, dass sich alle(!) in dem dünn besiedelten Gebiet treffen, Kontakte pflegen, Nachrichten austauschen, Geschäfte machen. Nur wegen der Regelung dieser Dinge hätte sich kaum jemand auf den Weg gemacht. Dazu braucht man das Große Ereignis, die Zusammenkunft einen Rahmen mit einem übergeordnetem Sinn.
Bei uns war(ist?) es in konservativen Kreisen auch so, dass man sonntags in die Kirche geht, damit man danach im Wirtshaus Politik oder Geschäfte oder sonstiges, die Frauen wieder anderes machen können.
Bei der Jugend sind Veranstaltungen wie die „loveparade“ in Berlin eine Zeit lang beliebt gewesen.“ Inhaltlich“, rituell entspricht stundenlanges Tanzen mit lautem Rhythmus übrigens gewissen Heilmethoden bei der Geisteraustreibung der alten Ägypter. Auch der Konsum von Drogen. Die loveparade galt offiziell als politische Demonstration, aber das war wegen der späteren Reinigungskosten. Liturgie, Ritual, sex, drugs, laute Maschinenmusik. Ichfindung und Ichauflösung bis zur Erschöpfung. Die Teilnahme von Jugendlichen in überwältigender Zahl bei Kirchengroßereignissen folgt ähnlichen Mustern und Motiven. Liturgien haben innere Regeln wie jede Kunstform, am meisten haben sie selbstverständlich mit dem Theater gemeinsam.
Ein Beispiel: eine Theateraufführung wird umso besser sein, je genauer die Einstimmungsphase ist zwischen - Lichtaus- Pause-Pause-Pause-Pause ,jetzt geht es los... Oder, kaum sitzen die ersten, da knallt`s auch schon… Alles geplant als Teil einer profanen Liturgie. Liturgie ist aber mehr als Mitmachtheater (es gibt eine Theorie der Verwendung des Publikums, das Chaos kann gerade deshalb stattfinden, weil der Rahmen abgesprochen ist) Liturgie kann Zuschauer gebrauchen und verwerten für ein Thema.
Die Zuschauer nehmen an einem zeitlich begrenzten „ wirklichen“ Leben teil.
Liturgie im profanen Sinn schafft Raum und Zeit für Dissens, Emotion, Empathie, Differenz.
Die angestrebte Optik bei Otto Becks Liturgien ist die breit gemalte Weltlandschaft, in der Chaos und Regel aus einer etwas höheren Perspektive betrachtet werden.


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A. Gugg: Vom Wandel des öffentlichen Körpers

Otto BECKs Versuch die Mode zu sakralisieren

Nichts ist heute präsenter und durch seine Daueransichtigkeit entwerteter als der nackte menschliche Körper. Längst ist enthülltes Fleisch jedweden Geschlechts und Alters eine Verkaufsstimulanz für eine Vielzahl industrieller Produkte. Was wir nach Vorschrift der Megakonzerne anzuziehen haben, was wir verspeisen sollen, womit wir uns reinigen und fortbewegen müssen – alles ist mit sexuellem und damit unerotischem Reizfilm lackiert. Unsere Konsumwelt offeriert sich unablässig mit dem Magnetismus einer pornografischen Aura. Nahrung und Gebrauchsgegenstände werden auf mehr oder weniger raffinierte Weise genitalisiert. Wer die Werbetechnik ein wenig genauer betrachtet, wird feststellen, wie sehr Körper nicht nur ausgestellt und inszeniert, sondern geöffnet werden. Von totgebleichten Zähnen bis zum fröhlichen Bakterienspiel im hübsch dargestellten Verdauungstrakt. Noch vor zwanzig, dreißig Jahren wäre derlei Körperdemokratie zur Konsummaximierung völlig undenkbar gewesen, genauso wie die inzwischen geschlechtsdiffusen Körperinszenierungen am Catwalk, wo völlig abgehobene Designergötzen an entmenschten Anatomien vorführen, was immer ein lächerlicher Kampf bleiben wird – nämlich die Zwangshochzeit zwischen Kunst und Alltagsleben. In den physischen Verwisch- und Versteckspielen des Entblößungstheaters gibt es so gut wie keine Tabus mehr. Das Männliche ist enorm im Vormarsch, wobei aber festzuhalten ist, dass das Zentrum des Maskulinen von einer Hetero-Machogesellschaft zumindest öffentlich nicht geduldet werden kann. Das Feigenblatt rutscht zwar, aber es fällt nicht.
Otto BECK hat sich in den vergangenen Jahrzehnten als Performer immer wieder mit solch auffälligen und doch kaum beachteten Phänomenen des öffentlichen Lebens beschäftigt. Er untersucht mit Scharfsinn und Witz das, was im Alltag oft unsichtbar und unbewusst bleibt, und macht erstaunliche, von den meisten Zeitgenossen gedankenlos hingenommene Widersprüche und Verbindungskanäle zwischen unterschiedlichsten Ebenen sichtbar.
Die Mode als mächtiger Industriezweig und Verpackungsfaktor einer zunehmend geschlechtsindiffe-renten, ästhetisch globalisierten Juvenil-Gesellschaft interessiert Otto BECK ganz besonders. Ihm fällt zum Beispiel auf, dass das vollkommene Verschwinden des noch vor hundert Jahren prägnanten Gesichtsschleiers aus der westlichen Damengarderobe in eigenartiger Beziehung zum aktuellen Kopf-tuchstreit steht. Unabhängig von religiösen Fragen scheint die von der Außenwelt distanzierte, mysti-sche Frau zum unerwünschten Störfaktor zu werden. Zugleich boomt der Sonnenbrillenkult. Das Ge-heimnisvolle der muslimischen Frau, der Blick der Augen aus dem Sehschlitz, wird im Westen von den Insignien der Coolness gänzlich verdeckt und eliminiert, während die aufgeklärte Bekleidung kaum noch etwas an dem anonymisierten Körper verhüllt.
Otto BECK hat ein Sensorium für Gleichklang und Differenzen unterschiedlicher Kulturen, er registriert die feinen Verschiebungen in der öffentlichen Liturgie der Körperinszenierungen, zu denen neben den diversen Bewegungsmustern der Bevölkerungsgruppen auch die Mode gehört. Nach all den Exzessen der massenhaften Uniformierung zum Beispiel halbwüchsiger Mädchen durch Nabel- und Hüftfreiheit, tätowierten und gepiercten Blickzonen, „Eisernen Jungfrauen“ in Form einschnürender Jeans und höchstwahrscheinlich mit chinesischen Folterhundefellen geschmückter Anoraks sieht Otto BECK die Zeit für eine neue Spiritualisierung der Mode gekommen.
Eine andere Ästhetik, andere Leitfiguren tauchen auf, eine andere Erotik beginnt zu wirken. Plötzlich wird der attraktive Sekretär des Papstes zum Thema für Frauenmagazine und Marie ANTOINETTEs Kunst der raffinierten und äußerst aufwändigen Körperverhüllung wird nachgeahmt und signalisiert verlagerte Interessen der Modeindustrie und ihrer konsumistischen Marionetten.
Nicht erst ein bombastischer Zyniker wie FELLINI wusste um die Ausstrahlung kirchlicher Prunkge-wänder. Die zu gewissen Zeiten unerhörte Prachtentfaltung hoher und höchstrangiger Kultgarderobe gehörte immer schon zum katholischen Ritual wie Musik, bildende Kunst, Architektur und Weihrauch. Man kann sogar einen großen Teil der abendländischen Kunstleistung aus der katholischen Messfeier ableiten. All das schwingt in der „moda all' eternità“ aus dem fiktiven sakralen Modelabel VATICANO mit, dessen Erfinder Otto BECK ist. Hier geht es um die Ankündigung und mögliches Design einer neuen Uniformität, die der verblühenden Gleichschaltung aller Körper auf das Kultbild trainierter, halb-nackter, jugendlicher Leiber folgen könnte. Bisher wurde vor allem ausgestellt, was man hat oder nicht mehr hat, morgen könnte alles wieder verborgen werden und man könnte zu fantasieren beginnen. Was versteckt wird, ist interessant und beflügelt Geist und Sinne.
Otto BECK will auf ironische Weise stimulieren. Als Maler aus der Kinderstube der ehemaligen jungen, wilden Figuration tut er das mit humoristischem Ingrimm und denkbar größter Freiheit. So wie er das Straßenbild auf Gleichklang und Differenz der Menschen mit aller Selbstverständlichkeit testet, bringt er auch in seinen Bildern West und Ost zusammen. Nonne und Kamel etwa und andere Symbole und Versatzstücke aus einem Spannungsfeld, das heute medial fast nur noch als kulturelles, politisches Kriegspotenzial vermittelt wird. Otto BECK will das Gegenteil von Erhitzung. Er will einen geistvollen, neuen west-östlichen Diwan.

Anton Gugg, 2007


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G. Kasparek: ZEITFLUSS und KLANGMOBILE

Salzburg Biennale 2007 , aus „Zeitgenössische Musik nach 1945 in Sazburg“

Von 1988 bis 1997 stand der Komponist und Dirigent Herbert Grassl dem ÖENM ( Österrichisches Ensemble für neue Musik) vor und setzte die kontinuierliche Arbeit in Salzburg und die Tourneetätigkeit erfolgreich fort. 1991 entwickelte Herbert Grassl zusammen mit dem Salzburger Bildenden Künstler Otto Beck die KLANGMOBILE. Mit diesen elektronisch bespielbaren, pedalangetriebenen Drei-rädern wurde im Rahmen der Aspekte 1991 John Cage vom Flughafen Salzburg eskortiert. Anschließend gab es Stadtbespielungen u .a. in Salzburg, Dresden, Maastricht, Arnheim, Bozen, Wien, Villach und in Seoul im Rahmen der IGNM Weltmusiktage, zuletzt 1999 in Bregenz ( Kunsthaus). Eine Anzahl von Kompositionen zeitgenössischer Musiker wurden für offene Räume in jenen Orten konzipiert,auch für das Projekt SALZACHARCHE von Otto Beck, aus dem sich die Veranstaltungsreihe ZEITFLUSS zusammen mit Thomas Zierhofer-Kin und Markus Hinterhäuser entwickelte, schufen u.a. Klaus Ager, Stefano Bassanese, Barbara Buczek, Alberto Caprioli, Marek Choloniewski, Roman Haubenstock-Ramati, Klaus K. Hübler, Young-Ho Kim, Sabine E.Panzer, René Prausmüller, Boguslaw Schaeffer, Dieter Schnebel, Gerhard E. Winkler, T.Zierhofer-Kin, Herbert Grassl, Anestis Logothetis und Bruno Strobl Kompositionen für die Überfahrt mit der Fähre. Karl Heinz Stockhausen richtete seinen Nasenflügeltanz für einen eigenen Zeitfluss-abend auf der Salzach ein.

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R. Kriechbaum: Straßenverkehr

Der Salzburger Maler und Aktionskünstler hat ja seit Jahrzehnten witzige Ideen, um Musik oder auch andere Kunst unter die Leute zu bringen. In den achtziger Jahren zum Beispiel hat er über die Salzach eine Art Überfuhr eingerichtet, wo man „Im Fluss“ (so hieß eine seiner vielen Arche-Varianten) nicht von Wasser, sondern von zeitgenössischer Musik überflutet worden ist. Bildende Kunst und Theater haben da auch eine Rolle gespielt.

Als 1991 der Komponist John Cage bei den „Aspekten“ zu Gast war, hat Otto Beck sich zarte Klangmobile ausgedacht. Das waren Fahrrad-Rikschas mit Elektronik-Equipment an Bord. John Cage hat es sich damals nicht nehmen lassen, auf einem dieser Dinger das Flugzeug zu umrunden, mit dem er eben in Maxglan gelandet war. Später haben es Otto Becks Klangmobile bis zu den Weltmusiktagen im koreanischen Seoul gebracht.

Im Moment sinniert Otto Beck darüber, wie es mit unserem Straßenverkehr, genauer: mit unserer Wahrnehmung der Automobile weiter gehen könnte. Droht Gefahr, selbst wenn die Dinger umweltfreundlicher werden? „Der Klang der Städte wird sich verändern, wenn Kraftfahrzeuge zukünftig mit Elektromotoren fahren“, argwöhnt der 1950 im Schwarzwald geborene, seit Kindheitstagen in Salzburg lebende Künstler. „Manche warnen sogar davor, dass die Fahrzeuge zu leise sein werden und sich wie Fahrräder überraschend 'anschleichen'“. Es war ja tatsächlich schon die Rede davon, dass man den künftigen Flüsterfahrzeugen Geräusche mit auf den Weg geben werde. Künstliche Fahrgeräusche zur Verkehrssicherheit! Klar, dass ein solcher Gedanke einen wie Otto Beck herausfordert. Er will sich mit künstlichem Motorengeknatter nicht recht anfreunden sondern stellt sich vor, „dass Kraftfahrzeuge zu Klangmobilen werden, mit werden mit individuellen Klängen, die so sorgfältig gestaltet sind wie die Fahrzeuge selber.“ Da könnte es also, so träumt Otto Beck, dieser sanfte Aktionist, „anstatt des jetzt so unangenehm empfundenen Brummens ein vielstimmiges musikalisches Summen geben.“

Nebenbei wird sich der Geruch der Städte verändern, so wie sich der einst allgegenwärtige Hausbrand längst verflüchtigt hat. Schöne Zeiten: „Mitt dem Lärm wird auch der Gestank verschwinden“, und es werde „beste Aussichten für Open Air Konzerte“ geben. „Finden sich viele Autos im Stau, auf Parkplätzen oder bei spontanen 'Drive In Parties' zusammen, kann das Radio unkompliziert ein Kraftfahrzeugplatzkonzert veranstalten.“ Genau ein solches entwirft Otto Beck morgen Samstag (3.10.) im Hof des Schlosses Mirabell. „Wir probieren diese Zukunft mit zwei hundert Jahre alten Erfindungen aus, dem Radio und dem Automobil.“


Nikolaus Schaffer: Moderne Pin-ups

Der Text ist als PDF verfügbar.