Otto
Beck

 „EINE MUSIKALISCHE ARCHE - TEKTUR” Text in "Rettung der Welt" Biennale  INTART  1991/92 Klagenfurt/ Udine/Ljubljana
Der Komponist Bruno Strobl stellt hier ein Projekt des in Salzburg lebenden bildenden Künstlers Otto Beck vor, das sicher von ganz besonderem künstlerischen und allgemeinen Interesse sein wird. In Kärnten realisiert, würde es eine Herausforderung für neue  INTART — Projekte bedeuten, würde es Künstler und Publikum des Alpe — Adria-Raumes und darüber hinaus aus dem ganzen internationalen Raum anziehen, und es würde somit Kärnten in den Blickpunkt einer künstlerischen und kunstinteressierten Öffentlichkeit stellen, die mit Freude vermerkt, dass es sich hier um einen Ort handelt, wo innovative Möglichkeiten der Kunstproduktion und Kunstrezeption gefördert und durchgeführt werden, abseits der gewohnten Pfade. Der schwimmende Hörraum von Otto Beck, sein HÖR —RAUM — SCHIFF, ist — wie aus den Abbildungen dieser Beschreibung zu ersehen ist — ein sehr weit entwickeltes Projekt, das sowohl Komponisten und Musikern als auch bildenden Künstlern zur Verfügung stehen kann. Besonders geeignet ist ein solcher Raum für Performances, Video-, Filmperformances und Aufführungen, die gerade solche Voraussetzungen benötigen, wo der Raum — vor allem der Klangraum — erst für die entsprechende Aufführung „gebaut" werden kann. Der niederösterreichische Komponist und Fachmann für elektroakustische Musik Günther Rabl hat für diese ARCHE—TEKTUR ein genau ausgearbeitetes Konzept für die Aufstellung von  Lautsprechern und für das erforderliche technische Equipment vorbereitet. Fest steht: „Raum" als eigenständiger Parameter der Musik und als besonderes kompositorisches Problem ist ein relativ junges Phänomen, das im Komponieren und in der ästhetischen Reflexion erst seit den fünfziger Jahren immer mehr Beachtung findet. In Gang gesetzt wurden diese systematischen Auseinandersetzungen durch künstlerische Vorarbeiten der Komponisten. Der Raum war wohl immer schon im Bewusstsein der Komponisten. Sie setzten einen bestimmten Raumtypus schon voraus, und dieser prägte die Werke in ganz besonderem Maß (Musik für Kammern, Konzertsäle, Theater, Kirchen ...). Immer wirkt sich die Beschaffenheit des Raumes auf die vorzunehmende Besetzung, Instrumentation, Dynamik, Spielweisen usw. aus. Seit den fünfziger Jahren erkennt man einerseits die Eigenständigkeit des Raumes als Klangkörper (z. B.: Luigi Nono), der von den architektonischen Bedingungen und der Musik, die ihn zum Schwingen bringt, abhängig ist, andererseits werden verstärkt Versuche unternommen, der Musik mittels Lautsprecher einen eigenen Raum zu geben (etwa K. H. Stockhausen, John Cage). Die „KLANG — ARCHE" soll selbst so gut wie keinen eigenen Klangraum haben. Erst durch ein sehr flexibles System von Lautsprechern und den dazugehörigen technischen Apparaturen soll es möglich gemacht werden, dass für das jeweilige Stück die besondere Räumlichkeit mit komponiert wird. Otto Beck: „Im Zuge meiner Zusammenarbeit mit einigen der interessantesten Komponisten moderner Musik kam es zu vielen Gesprächen über Räume, die für solche Musik geeignet sind. Namentlich die Erfahrungen von Stockhausen und Leo Kupper sowie österreichischen, tschechischen und ungarischen Elektroakustikern bestätigten mir als bildendem Künstler, dass die neue Musik auch neue Räume braucht. Es sollte einmal so sein, dass neu erbaute Konzertsäle primär und nicht ‚auch' für moderne Musik geeignet sind. Bislang verfügt das IRCAM in Paris und nur ganz wenige kleinere Institute in Europa über solcherart ideale Räume." Es ist nicht verwunderlich, wenn bestimmte neue Musik durch ungeeignete Räume schlechte Aufführungsergebnisse erzielt und auf mangelndes Publikumsinteresse stößt. Unzureichende Förderung in dieser Hinsicht zwingt Komponisten zur Anpassung ihrer räumlich gedachten Musik an die Aufführungspraxis „alter" Räume. Die Technik ist heute in der Lage, jede Raumwirkung zu simulieren, doch ist die Wirkung bei herkömmlichen Räumen deshalb verschwommen, weil die Aufführungsräume ihre eigene Akustik dazu mischen. Otto Beck: „Der ideale Hörraum müsste also so gebaut sein, dass er jede räumliche Wirkung bzw. Struktur ermöglicht. Solche neuen Räume sind für alte (klassische) Musik nicht primär geeignet, doch kann dort  selbstverständlich auch die Akustik eines klassischen Konzertsaales erzeugt werden. Der Innenraum erhält Wandsysteme, die die akustischen Strukturen passiv und durch elektroakustische Mittel aktiv ermöglichen. Die spezielle, durch Spiegelsysteme unterstützte "Weltraumatmosphäre" des ultramarinblauen Innenraumes gibt dem Auge gerade so viel Assoziationsmöglichkeit, dass die Phantasie unterstützt wird, und gerade so wenig Ablenkung, dass größtmögliche Konzentration stattfinden kann. In der ausgearbeiteten Form gibt der Raum innen und außen ca. 200-300 Personen Platz. Die Bauform der langgestreckten Pyramide ist sowohl für die Außenbedingungen (Stürme, Schneelasten ...) als auch für den Innenbereich speziell berechnet, indem die Neigungswinkel der Wände eine ideale Reflexion bzw. Absorption von Schall erzeugen. Das leichte Schwanken des Bodens ist außerordentlich wichtig für das Empfinden neuer ‚künstlicher` Räume, sozusagen als Aufhebung gewohnter, bodenständiger" Akustik." Die tontechnische Ausstattung von Günther Rabl ist in einem 23 Seiten starken Skript genau ausgearbeitet, dazu gibt es noch mehrere Skizzen. Günther Rabl benötigt für diese Ausstattung 68 Lautsprecher, 60 Verstärker mit Netzteil, 3 Bandmaschinen, 2 Dat-Recorder, CD-Player, Noise Reduction, 1 Matrix-Verteiler und fünf Regelpulte. Wie aus der tontechnischen Beschreibung hervorgeht, wird die Ausstattung so konzipiert sein, dass deren Bedienung relativ einfach ist und wenig Personal erfordert. Geplant ist auch eine Solaranlage, die die Arche weitgehend unabhängig vom Festland machen soll. Bildende Künstler, besonders solche, die sich mit modernen Ausdrucksmitteln befassen (Film, Video, Licht ...) können diese Arche ihrem Aufbau und Charakter entsprechend sehr vielseitig verwenden. Fast alles ist hier möglich, außer dem üblichen Hängen von Bildern. Auch hier wird ein Zusammenwirken mit Komponisten, Musikern und Theaterleuten eine große Anregungsvielfalt bieten. Das innovative Potential auf diesem Gebiet ist schier unermesslich,  sodass mit Sicherheit angenommen werden kann, dass viele Künstler den Weg zu dieser Arche — Tektur finden werden, um ihre Ideen verwirklichen zu können oder neue Wege zu suchen. Für den Standort des HÖR — RAUM — SCHIFFS kommt prinzipiell jedes Gewässer in Frage, sowohl fließendes Gewässer als auch ein aufgelassener Ziegelteich, ein Flussnebenarm, ein See ... (das Modellfoto ist z. B. in einer sehr archaischen Landschaft gemacht worden: auf dem Margaritenspeicher auf dem Großglockner). Für die geplante Weltausstellung Wien - Budapest  1995 wurde das Projekt von einer  internationalen Jury vorgeschlagen.  

Bruno Strobel Partitur zu ARCHETON I